Claudia Köhler als Prozessbeobachterin am 15.9.2020 in Bozen

Clau­dia Köh­ler als Pro­zess­be­ob­ach­te­rin: Am 28. Mai ste­hen Pes­ti­zid­kri­ti­ker in Süd­ti­rol erneut vor Gericht

Angriff auf die Mei­nungs­frei­heit geht weiter

Die Süd­ti­ro­ler Pro­zes­se gegen Pes­ti­zid­kri­ti­ker aus Deutsch­land und Öster­reich wer­den fort­ge­führt. Am Frei­tag, den 28. Mai müs­sen sich Karl Bär, der Agrar­re­fe­rent des Umwelt­in­sti­tuts Mün­chen und der Buch­au­tor Alex­an­der Schie­bel wegen angeb­lich übler Nach­re­de in Straf­pro­zes­sen vor dem Lan­des­ge­richt Bozen ver­ant­wor­ten. Die bei­den hat­ten den hohen Pes­ti­zid­ein­satz in den Süd­ti­ro­ler Apfel­plan­ta­gen öffent­lich kri­ti­siert und wur­den dar­auf­hin vom Süd­ti­ro­ler Lan­des­rat Arnold Schuler sowie von mehr als 1370 Bäue­rin­nen und Bau­ern ange­zeigt. Die von Schuler ange­kün­dig­te Rück­nah­me aller Anzei­gen, die zu einem Ende der Ver­fah­ren geführt hät­te, wur­de bis dato nicht in die Tat umgesetzt.

Bei dem Gerichts­ter­min gegen Karl Bär am 28. Mai wird es vor allem um die Beweis­an­trä­ge gehen. Das Umwelt­in­sti­tut Mün­chen kann ins­ge­samt 88 Expert:innen aus der gan­zen Welt in den Zeu­gen­stand rufen, die bele­gen kön­nen, dass der hohe Pes­ti­zid­ein­satz auf Apfel­plan­ta­gen nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Natur sowie auf die Gesund­heit von Men­schen hat. Wel­che und wie vie­le der Zeug:innen im wei­te­ren Ver­fah­ren tat­säch­lich ange­hört wer­den, ent­schei­det der Rich­ter am kom­men­den Prozesstag.

Als Prozessbeobachter:innen vor Ort haben sich Sarah Wie­ner (Mit­glied des Euro­päi­schen Par­la­ments), Hans­pe­ter Staff­ler (Mit­glied des Süd­ti­ro­ler Land­tags), Clau­dia Köh­ler (Mit­glied des Baye­ri­schen Land­tags), Rosi Stein­ber­ger (Mit­glied des Baye­ri­schen Land­tags und Vor­sit­zen­de im Aus­schuss für Umwelt- und Ver­brau­cher­schutz) und Mar­ga­re­te Bau­se (Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges und Spre­che­rin für Men­schen­rech­te der Frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen) angekündigt.

Hin­ter­grund zum Pro­zess gegen Karl Bär:

Anlass der Kla­ge gegen Karl Bär vom Umwelt­in­sti­tut Mün­chen war die pro­vo­ka­ti­ve Kam­pa­gne „Pes­ti­zid­ti­rol“ im Som­mer 2017. In deren Rah­men plat­zier­te die Münch­ner Umwelt­or­ga­ni­sa­ti­on ein Pla­kat in der baye­ri­schen Haupt­stadt, das eine Tou­ris­mus-Mar­ke­ting-Kam­pa­gne für Süd­ti­rol sati­risch ver­frem­de­te. Zusam­men mit einer Web­site hat­te die Kam­pa­gne zum Ziel, auf den hohen Pes­ti­zid­ein­satz in der belieb­ten Urlaubs­re­gi­on auf­merk­sam zu machen. Für den Text auf der Web­site steht Bär seit Sep­tem­ber 2020 in Bozen vor Gericht, obwohl in den Apfel­plan­ta­gen Süd­ti­rols nach­weis­lich gro­ße Men­gen an natur- und gesund­heits­schäd­li­chen Pes­ti­zi­den aus­ge­tra­gen wer­den. Bis zu zwan­zig mal pro Sai­son wer­den die Apfel­plan­ta­gen dort gespritzt.

Der Pro­zess lös­te im Herbst letz­ten Jah­res eine Pro­test­wel­le in ganz Euro­pa  aus. Hun­dert­tau­sen­de Men­schen for­der­ten Lan­des­rat Schuler auf, sei­nen Angriff auf die Mei­nungs­frei­heit sofort zu been­den. Selbst die Men­sch­rechts­kom­mis­sa­rin des Euro­pa­rats, Dun­ja Mija­to­vić, stuf­te die Kla­ge als soge­nann­ten SLAPP (stra­te­gic lawsu­it against public par­ti­ci­pa­ti­on) ein – eine halt­lo­se, stra­te­gi­sche Kla­ge, die zum Ziel hat, unlieb­sa­me Kritiker:innen mund­tot zu machen. Auf­grund des gro­ßen öffent­li­chen Drucks kün­dig­te Lan­des­rat Schuler im Sep­tem­ber 2020 an, alle Anzei­gen zurück­zie­hen und dafür die Voll­mach­ten aller kla­gen­den Bau­ern und Bäue­rin­nen ein­sam­meln zu wol­len. Aller­dings gelang es dem Lan­des­rat bis dato nicht, alle ent­spre­chen­den Voll­mach­ten vor­zu­le­gen, wes­halb die Pro­zes­se nun fort­ge­führt wer­den. Schuler selbst hat­te sich zudem als Neben­klä­ger in den Pro­zess ein­ge­las­sen. Den Ange­klag­ten dro­hen Scha­den­er­satz­for­de­run­gen in Mil­lio­nen­hö­he und Gefängnisstrafen.

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