Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wenn es unangenehm wird, dann redet man einfach über etwas ganz anderes, oder wie?
Ich werde Ihnen trotzdem ein paar Zahlen sagen, weil diese um diese Uhrzeit zu diesem Punkt der Debatte schon längst hätten genannt werden sollen. Die Steuereinnahmen haben 2024 im Ist um 1,05 Milliarden Euro über dem Soll gelegen, und die Haushaltsrücklage lag Ende 2024 bei 10,354 Milliarden Euro.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich darf daran erinnern, dass wir fast zwei Jahre lang auf diese hohe Rücklage in Höhe von über 10 Milliarden Euro hingewiesen und gefordert hatten, den Kommunen schnell zu helfen. Sie haben die Kommunen trotzdem fast zwei Jahre lang hängen und zappeln lassen, bevor Sie endlich unsere Forderung nach einer Kommunalmilliarde mit 846 Millionen Euro umgesetzt haben.
Bis auf die Schulden der Landesbank und die Corona-Schulden finden sich auch in der Jahresrechnung 2024 wieder keine Schuldentilgungen, obwohl das eigentlich als Ersatz für die Zuführungen an den Versorgungsfonds ausgemacht und angekündigt war. Die Schuldentilgungen sind dann aber sogar rückwirkend ab dem Jahr 2019 eingestellt worden. Das Geld fehlt jetzt nicht nur dort, sondern auch im Pensionsfonds, wo wir ja steigende Versorgungsausgaben haben und das Geld dringend brauchen. Auch die Corona-Schulden sind nicht so bedient worden, wie es ursprünglich ausgemacht war: 500 Millionen Euro sollten pro Jahr gezahlt werden, damit sie in 20 Jahren vollständig getilgt sind. 2024 wurden zwar 200 Millionen Euro zurückgezahlt. Das ist ein bisschen mehr als geplant; mit einer jährlichen Zahlung von 200 Millionen Euro dauert die komplette Tilgung dann aber 50 Jahre.
Wir alle sehen, wie die Krisen unser Wirtschafts- und unser Steuerwachstum bremsen: der Angriffskrieg gegen die Ukraine, der Krieg im Nahen Osten, die unplanbare Handelspolitik der USA, die Versäumnisse in der Energiepolitik und eine veraltete Infrastruktur. Das zeigt uns doch – und das hat ja inzwischen auch der Bundeskanzler verstanden –, dass das alte Konzept der Schuldenbremse nicht trägt; denn wir haben es hier nicht mit den üblichen konjunkturellen Schwankungen zu tun. Trotzdem legt diese Staatsregierung keinen Plan vor. Eine Reform der Schuldenbremse und Steuerreformen wären dringend notwendig. Denn das aktuelle Sondervermögen des Bundes, eine halbe Billion Euro – vorher nie dagewesen –, deckt die aktuellen Finanzierungsprobleme bloß zu. Dieses Sondervermögen kann aber noch nicht einmal seine volle Wirkung entfalten, wenn es für Projekte eingesetzt wird, die längst schon auf dem Zettel gestanden sind, für Investitionen in Hochschulen, Investitionen in Hochschulsanierungen, die schon längst im Plan waren, für lange beschlossene Bauvorhaben, Straßen, und es dafür dann Kürzungen im normalen Etat gibt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, neue Projekte sollten die Konjunktur ankurbeln. Das war das Versprechen, und für Bayern ist diese Staatsregierung hier dafür in der Verantwortung. Die angekündigte Steuerreform im Bund ist bis jetzt nicht mehr als eine Tarifanpassung. Eine dringend notwendige Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen leistet sie angesichts steigender Sozialabgaben nicht. Aber für eine wirksame Kontrolle, leider erst im Nachhinein, und für Transparenz gibt es den ORH-Bericht. Ich greife die drei größten Verbesserungspotenziale auf:
Personalpolitik. Der planlose Aufwuchs vorher, in den letzten Jahren, und der pauschale Abbau nachher, diese 10.000 Stellen, quer überall drüber, sind zwei Seiten derselben Fehlsteuerung. Damit ist kein Staat zu machen. Die staatlichen Stellen sind in den letzten zwölf Jahren auf rund 330.000 gestiegen. Jetzt mit dem Rasenmäher wieder einzusparen, ohne vorherige Aufgabenkritik und Priorisierung, das wird nicht gelingen. Bayern braucht eine ehrliche Bestandsaufnahme: Wo brauchen wir mehr Personal? – Zum Beispiel an den Schulen. Wo kann effizienter gearbeitet werden? Die milliardenschweren Ausgabereste sind ein Evergreen dieser Söder-Regierung. Es ist schon klar, dass es immer Ausgabereste braucht und geben wird, weil ja nicht alle Projekte und Finanzierungen schlagartig Ende Dezember fertig sind. Aber das hier geht seit Jahren über das normale Maß hinaus. Es sind über zehn Milliarden Euro bei 80 Milliarden Euro Haushaltsumfang. Das kommt vom großspurigen Ankündigen riesiger Summen durch die Staatsregierung. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, lieber Herr Minister, dann muss man das auch umsetzen, denn sonst bringen die hohen Summen nichts.
Von den zehn Milliarden Euro sind mehr als vier Milliarden Euro Reste aus Investitionsförderungen. Gerade Investitionen, die wir so dringend brauchen! Der größte Anteil der Ausgabereste ist wieder im Wirtschaftsministerium. Eigentlich ist es logisch, denn im Wirtschaftsministerium hat man immer noch keinen Überblick über die mindestens 400 Förderprogramme, keinen Überblick, wie sie abgerufen werden, und damit auch keinen Überblick über die Wirksamkeit; und digital sowieso nicht. Das probiert man hier vergeblich seit 1998.
Bei der Nicht-Digitalisierung ist der Wirtschaftsminister aber nicht alleine. Die Staatsregierung hat 2020 herausposaunt, bis 2025 vollständig zu digitalisieren. Das Ziel wurde nicht erreicht. Und – halten Sie sich fest – diese Regierung ist sich noch nicht einmal untereinander einig, was man unter Volldigitalisierung überhaupt versteht. – Das ist alles in den Stellungnahmen zum ORH-Bericht nachzulesen. Das Digitalministerium will Koordinierungs- und Steuerungsstelle sein, hat aber keinerlei Überblick über den aktuellen Stand in den Ministerien und sieht die Verantwortung dann doch wieder bei den anderen. Peinlich! Es ist leider niemand da, aber ich habe in unzähligen Haushaltsberatungen immer das Plädoyer gehalten, dem Digitalministerium endlich mehr Geld und mehr Kompetenz zu geben. Sonst kann es nicht wirken. Aber so wie es ausschaut, nach dem Bericht und dieser Stellungnahme, ist auch dieses wenige Geld umsonst ausgegeben. Das Personalsoll hat sich in den letzten sechs Jahren verdreifacht, und es geht einfach nichts vorwärts. Ich sage voraus: Solange die Zuständigkeit und die Ämter für Digitalisierung im Finanzministerium bleiben, wird sich an dieser Wirkungslosigkeit auch nichts ändern.
In über der Hälfte der Feststellungen im aktuellen Jahresbericht geht es um unnötige Kosten wegen mangelnder Digitalisierung: 17.000 an sich online gestellte Anträge zum Krippengeld werden ausgedruckt. Digitalisierte, automatisierte Geschäftsprozesse: Fehlanzeige. E‑Rechnungen: Der Anteil liegt unter 3 %, obwohl es pro Rechnung bis zu acht Euro Ersparnis bringen könnte; insgesamt ist es ein Potenzial von dreieinhalb Millionen Euro. Service-Verbesserungen für die Bürger und Bürgerinnen hinten gelassen. Bürokratie für die Unternehmen verursacht. Viel Personal mit Scannen beschäftigt und Einsparpotenzial in Milliardenhöhe verschenkt.
Was echt schade ist: Normalerweise greifen wir die konstruktiven Vorschläge des ORH relativ einstimmig auf und lassen uns dann über die Umsetzung wieder berichten. Heuer nicht. Ganz oft forderten CSU und FREIE WÄHLER nur Kenntnisnahme. Passt schon. Warum denn? Dem ORH selbst danken wir.
Sehr geehrte Frau Präsidentin, Ihrem ganzen Haus herzlichen Dank! Sie schaffen Transparenz, und sie liefern Verbesserungsvorschläge. Natürlich Entlastung für den ORH, aber keine Entlastung für diese Staatsregierung, die den dramatischen Herausforderungen noch immer nicht mit gebotener Verantwortung begegnet. Diese Staatsregierung scheitert an zentralen Aufgaben der Landespolitik, die in ihrer Verantwortung lägen.
Die Milliarden an Steuergeldern, die diese Staatsregierung Jahr für Jahr aufruft, müssen endlich zu Verbesserungen bei den Bürgern und Bürgerinnen führen.
Hier das Video meiner Rede:




Verwandte Artikel
Reise des Haushaltsausschusses nach Oslo
Digitalisierung, Finanzierung, E‑Mobilität, Wirtschaft, Staatsfonds, Kreislaufwirtschaft – die Themen unserer Informationsreise waren sehr vielfältig. A propos vielfältig – überall in Oslo, von der kleinen Bar über die Tramstationen bis zu…
Weiterlesen »
Blaualgen statt Badespaß: Unsere Gewässer senden einen Hilferuf -
Grüne fordern besseren Gewässerschutz im Landkreis München Hitze und Trockenheit setzen die Gewässer im Landkreis München massiv unter Druck – mit gravierenden Folgen für Fische, Amphibien und andere Wasserlebewesen. „Statt…
Weiterlesen »
Bayern braucht Abkühlung — Staatsregierung erhöht Mittel nach Dringlichkeitsantrag der Grünen
Extreme Hitze kann für ältere Menschen, Schwangere, Kinder und Menschen, die Pflege brauchen, lebensgefährlich werden. Mit ihrem Dringlichkeitsantrag „Bayern braucht Abkühlung – Schnelle Hilfe für besonders gefährdete Menschen“ forderten die…
Weiterlesen »